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Kirkes Ratschläge an Odysseus *
Nach dem Ende des Trojanischen Krieges, auf dem Heimweg nach Ithaka, muss Odysseus
eine Reihe von Abenteuern bestehen. Eines führt ihn zu der Zauberin Kirke.
Als es dunkel geworden war, legten sich meine Gefährten bei dem angetäuten
Schiff nieder. Mich aber führte Kirke an der Hand ein wenig abseits. Schließlich
lagen wir beieinander, und ich musste ihr erzählen, wie es mir im Hades
ergangen war.
"Das hast du also hinter dich gebracht - so weit, so gut!
Doch in Kürze musst du an den Sirenen vorbei. Komme ihnen mit deinem Schiff
auf keinen Fall zu nahe. Ihr Gesang bezaubert die Seeleute, deren Leichname
dann rings um sie her verfaulen, bis nur noch die blanken Knochen übrigbleiben.
Gegen den Bann ihrer Gesänge hilft nur Wachs in den Ohren. Wenn du aber
ihren zauberischen Weisen lauschen willst, lasse dich von deinen wachsgeschützten
Gefährten an den Schiffsmast fesseln. Je heftiger du dann flehst, dass
sie dich doch losbinden sollen, um so stärker sollen sie die Fesseln anziehen.
Seid ihr an den Sirenen vorbeigerudert, musst du zwischen zwei Wegen wählen.
Die Entscheidung kann ich dir nicht abnehmen, aber ich kann dich auf beide Wege
vorbereiten.
In der einen Richtung wirft die Schaumkronen tragende Meeresgöttin Amphitrite
ihre Gischt auf hohen Wellen gegen überhängendes Felsgestein. Diese
Felsen werden Planktai, also Klappfelsen, genannt. An ihr zerschellen selbst
die Tauben, welche dem Zeus Ambrosia bringen, sodass unser Vater ihre Zahl immer
wieder aufs Neue ergänzen muss. Die Schiffe, die daran vorbeisteuern wollten,
sind augenblicklich in Trümmer gegangen, und die Leichen und losen Planken
werden in der Brandung wild durcheinandergewirbelt. [...]
Wählst du den anderen Weg, kommst du an eine Felsenschlucht. Die schartige
Gipfelspitze der einen Wand ist vom Wasser aus nicht zu erkennen, denn sie reicht
bis zum Himmel. Die dunkle Wolke um sie herum weicht weder im Sommer noch zur
Erntezeit. Den Gipfel zu erklimmen, wäre selbst einem Mann mit zwanzig
Händen und Füßen unmöglich. Die Wand ist, wie von einem
Bildhauer bearbeitet, vollkommen glatt. Weit oberhalb der Wasserlinie durchbricht
eine Höhle den Fels, deren Dunkel sich nach Westen, dem düsteren Erebos
entgegenstreckt. Sie liegt so hoch, dass kein Pfeilschuß sie erreichen
kann. In ihr haust Skylla.
Sie winselt und bellt wie ein frischgeborener Welpe, aber sie ist ein Ungeheuer,
vor dem es selbst die Götter graut. Mit zwölf schrecklichen Klauen
krallt sie sich in den Fels, und ihre sechs unfassbar langen Hälsen tragen
sechs widerwärtige Köpfe. Sie können ins Wasser tauchen, während
der Unterleib noch in der Höhle steckt. Sechs mal drei dicht gedrängte
Reihen scharfer Zähne schnappen nach Hundsfischen, Delfinen und größeren
Tieren, die ihr Amphitrite in großer Zahl entgegentreibt. Ohne Opfer ist
an ihr noch kein Schiff vorbeigesteuert. Skyllas raffgierige Rachen raubten
stets mindestens sechs Männern der Besatzung das Leben.
Über den der Skylla gegenüberliegenden Felsen könntest du dagegen
einen Pfeil hinwegschießen, so flach ist er. Auf ihm steht ein großer,
dichtbelaubter Feigenbaum, dessen Äste weit über den Felsenrand ragen.
Darunter aber lauert Charybdis.
Dreimal am Tag saugt sie gewaltige Wassermassen in sich hinein und genauso oft
gurgeln sie wieder aus ihr heraus. Näherte sich dein Schiff der saugenden
Charybdis, könnte dich, selbst wenn er es wollte, auch Poseidon nicht retten.
Darum steuere so dicht und so schnell wie möglich an Skylla vorbei. Besser
sechs Leute verlieren, als die ganze Besatzung."
"Ist denn die Skylla wirklich so unbesiegbar, dass man sich gegen sie nicht
wehren kann?" fragte ich Kirke, aber sie wehrte sogleich ab: "Wahnsinniger!
Meinst du etwa, du könntest mit einer Heldentat etwas gegen sie ausrichten?
Skyllas Schrecken ist unsterblich! Du kannst bei ihr nur dein Glück in
der Flucht zu suchen. Alles andere ist sinnlos. Rudere so schnell wie möglich
an ihr vorbei und bete dabei zu Krataiis, der Mutter Skyllas, auf dass sie ihre
Tochter zurückhält, ein zweitesmal dein Schiff anzugreifen. Nur so
gelangst du jemals zur Insel Thrinakia. Dort weiden die Rinder und Schafe des
Sonnengottes. Die Töchter des Helios und der Neära, die schöngelockten
Nymphen Phaëthusa und Lampetië, geben auf sie Acht.
Die Rezensionen und Meinungen zu diesem Buch finden Sie auf der Webseite des Autors unter
http://home.arcor.de/karger/uk-rody.htm
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