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Homer: Die Odyssee

Description:  Textprobe aus HOMER / DIE ODYSSEE. Nacherzählt von Ulrich Karger.
Author:Ulrich Karger
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deutsch
  
ISBN: 3122624605   ISBN: 3122624605   ISBN: 3122624605   ISBN: 3122624605 
 
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Homer: DIE ODYSSEE

nacherzählt von Ulrich Karger

Vergriffene Erstausgabe: Ill.: Hans-Günther Döring
Echter Vlg., Würzburg 1996
206 Seiten; 29,80 DM;
ISBN 3-429-01809-9

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Textprobe aus

HOMER / DIE ODYSSEE

nacherzählt von Ulrich Karger



12. Kapitel / Skylla und Charybdis (S. 97 ff.)


(in neuer Rechtschreibung samt unterer Überschrift und kursiver Einführung
analog zum ausgewählten Abschnitt
S. 148 ff. PROJEKT Lesen A 6; Bayerischer Schulbuch Verlag; München 2001)

Kirkes Ratschläge an Odysseus


Nach dem Ende des Trojanischen Krieges, auf dem Heimweg nach Ithaka, muss Odysseus eine Reihe von
Abenteuern bestehen. Eines führt ihn zu der Zauberin Kirke.

Als es dunkel geworden war, legten sich meine Gefährten bei dem angetäuten Schiff nieder. Mich aber führte Kirke an der Hand ein wenig abseits. Schließlich lagen wir beieinander, und ich musste ihr erzählen, wie es mir im Hades ergangen war.
"Das hast du also hinter dich gebracht - so weit, so gut!
Doch nun musst du bald an den Sirenen vorbei. Du darfst ihnen mit deinem Schiff auf keinen Fall zu nahe kommen. Immer wieder bezaubern sie mit ihrem Gesang die Seeleute, deren Leichname dann rings um sie her verfaulen, bis nur noch die blanken Knochen übrigbleiben. Verstopft euch deshalb die Ohren mit Wachs, damit ihr dem Bann ihrer Gesänge nicht verfallt. Wenn du aber ihren zauberischen Weisen lauschen willst, lasse dich von deinen Gefährten an den Schiffsmast fesseln. Je heftiger du dann flehst, dass sie dich doch losbinden sollen, um so stärker sollen sie die Fesseln anziehen.
Seid ihr an den Sirenen vorbeigerudert, musst du zwischen zwei Wegen wählen. Die Entscheidung kann ich dir nicht abnehmen, aber ich kann dich auf beide Wege vorbereiten.
In der einen Richtung wirft die Schaumkronen tragende Meeresgöttin Amphitrite ihre Gischt auf hohen Wellen gegen überhängendes Felsgestein. Diese Felsen werden Planktai, also Klappfelsen, genannt. An ihr zerschellen selbst die Tauben, welche dem Zeus Ambrosia bringen, sodass unser Vater ihre Zahl immer wieder aufs Neue ergänzen muss. Die Schiffe, die daran vorbeisteuern wollten, sind augenblicklich in Trümmer gegangen, und die Leichen und losen Planken werden in der Brandung wild durcheinandergewirbelt. (...). Wählst du den anderen Weg, kommst du an eine Felsenschlucht. Die schartige Gipfelspitze der einen Wand ist vom Wasser aus nicht zu erkennen, denn sie reicht bis zum Himmel. Die dunkle Wolke um sie herum weicht weder im Sommer noch zur Erntezeit. Den Gipfel zu erklimmen, wäre selbst einem Mann mit zwanzig Händen und Füßen unmöglich. Die Wand ist, wie von einem Bildhauer bearbeitet, vollkommen glatt. Weit oberhalb der Wasserlinie durchbricht eine Höhle den Fels, deren Dunkel sich nach Westen, dem düsteren Erebos entgegenstreckt. Sie liegt so hoch, dass kein Pfeilschuß sie erreichen kann. In ihr haust Skylla.
Sie winselt und bellt wie ein frischgeborener Welpe, aber sie ist ein Ungeheuer, vor dem es selbst die Götter graut. Mit zwölf schrecklichen Klauen krallt sie sich in den Fels, und ihre sechs unfassbar langen Hälsen tragen sechs widerwärtige Köpfe. Sie können ins Wasser tauchen, während der Unterleib noch in der Höhle steckt. Sechs mal drei dicht gedrängte Reihen scharfer Zähne schnappen nach Hundsfischen, Delfinen und größeren Tieren, die ihr Amphitrite in großer Zahl entgegentreibt. Ohne Opfer ist an ihr noch kein Schiff vorbeigesteuert. Skyllas raffgierige Rachen raubten stets mindestens sechs Männern der Besatzung das Leben.
Über den der Skylla gegenüberliegenden Felsen könntest du dagegen einen Pfeil hinwegschießen, so flach ist er. Auf ihm steht ein großer, dichtbelaubter Feigenbaum, dessen Äste weit über den Felsenrand ragen. Darunter aber lauert Charybdis.
Dreimal am Tag saugt sie gewaltige Wassermassen in sich hinein und genauso oft gurgeln sie wieder aus ihr heraus. Näherte sich dein Schiff der saugenden Charybdis, könnte dich, selbst wenn er es wollte, auch Poseidon nicht retten. Darum steuere so dicht und so schnell wie möglich an Skylla vorbei. Besser sechs Leute verlieren, als die ganze Besatzung."
"Ist denn die Skylla wirklich so unbesiegbar, dass man sich gegen sie nicht wehren kann?" fragte ich Kirke, aber sie wehrte sogleich ab: "Wahnsinniger! Meinst du etwa, du könntest mit einer Heldentat etwas gegen sie ausrichten? Skyllas Schrecken ist unsterblich! Du kannst bei ihr nur dein Glück in der Flucht zu suchen. Alles andere ist sinnlos. Rudere so schnell wie möglich an ihr vorbei und bete dabei zu Krataiis, der Mutter Skyllas, auf dass sie ihre Tochter zurückhält, ein zweitesmal dein Schiff anzugreifen. Nur so gelangst du jemals zur Insel Thrinakia. Dort weiden die Rinder und Schafe des Sonnengottes. Die Töchter des Helios und der Neära, die schöngelockten Nymphen Phaëthusa und Lampetië, geben auf sie Acht.
Es sind sieben Rinderherden und sieben Schafherden, soviel wie die Woche Tage hat, und zu jeder Herde zählen fünfzig Tiere, soviel wie sich das Jahr in Wochen teilt. Sie vermehren sich nicht, aber sie werden auch nicht weniger. Verletzt ihr sie nicht, werdet ihr einigermaßen heil Ithaka erreichen. Im anderen Fall werdet ihr alle untergehen. Selbst wenn du als einziger überleben solltest, würdest du erst viel später und sehr elend heimkehren."
Damit verabschiedete sich die zauberreiche Kirke von mir, denn Eos war schon dabei, sich ihr rosiges Kleid anzulegen.
Ich weckte meine Gefährten und trieb sie zur Eile an. Nach einigen Ruderschlägen spannte sich das Segel vor einem günstigen Wind, den uns die schöne Zauberin als letzten Gruß entsandte.
Nachdem auf dem Schiff alles seine Ordnung hatte und wir gut im Wind lagen, sprach ich zu meinen Gefährten: "Freunde, ich will euch nun mitteilen, was ich von Kirke in Erfahrung gebracht habe. Zunächst müssen wir an den Sirenen vorbei."
Kaum hatte ich ihnen alles berichtet, was ich von den Sirenen wußte, war es plötzlich vollkommen windstill, und es kräuselte sich keine einzige Welle mehr. Wie verabredet, holten die Gefährten das Segel ein und setzten sich an die Ruder. Ich schlug indessen mit meinem Schwert Wachs von einer großen Scheibe ab. Die kleinen Stücke knetete ich unter der heißen Sonne und verklebte damit die Ohren der Gefährten. Daraufhin banden sie mich mit Tauen am Schiffsmast fest und begannen im stetigen Schlag zu rudern. Als wir schließlich der Insel in Rufweite nahegekommen waren, entdeckten uns die beiden Sirenen.
"Komm doch, viel besungener Odysseus, der du unter den Achaiern einer der Besten bist! Lege an mit deinem Schiff und erfreue dich an unserem Gesang! Wir wissen alles, was sich in Troja zugetragen hat, wissen von allem, was auf der Erde geschieht!"
Ich flehte meine Gefährten mit den Augen an, mich doch loszubinden. Sie aber schlugen die Ruder noch heftiger in die graue See, während Eurylochos und Perimedes die Fesseln stramm hielten. Erst als wir ein gutes Stück an der Insel vorbeigezogen waren, entfernten sie das Wachs aus ihren Ohren und banden mich vom Mast los.
Kurze Zeit später wurden meine Gefährten von einem fürchterlichen Rauschen erschreckt. Die Brandungswellen vor uns waren so gewaltig, daß ihre Gischt wie Dampf über den Felsen hing. Da ließen die Männer ihre Ruder aus der Hand fahren und gaben das Schiff der Strömung preis. Wie sollte ich sie nur wieder ermutigen?
"Freunde, das ist doch nicht die erste Gefahr, der wir begegnen!", rief ich ihnen zu. "Ich habe euch aus der Hand des Kyklopen befreit, und wenn ihr jetzt auf mich hört, umschiffen wir auch diese Klippe: Ihr müsst rudern, was das Zeug hält, und auf Zeus' Beistand hoffen.
Du, Steuermann, komme dem Strudel nicht zu nah, sondern halte genau auf den Felsen dort zu, damit wir nicht abtreiben. Sonst sind wir alle dem Untergang geweiht!"
Von der Skylla sagte ich nichts, sonst wären sie vor Angst völlig gelähmt gewesen. So aber gehorchten sie mir.
Ich vergaß indessen Kirkes Mahnung, legte meine Rüstung an, ergriff zwei lange Speere und hielt am Bug des Schiffes nach Skylla Ausschau. Jedoch, so sehr ich auch den braunen Felsen absuchte, ich konnte sie nirgends entdecken. Vor Anstrengung schmerzten mir schon bald die Augen.
Wir gelangten schließlich in die Enge und es gab kein Zurück mehr. Auf unserer Seite Skylla, auf der anderen die gurgelnde Charybdis. Kirke hatte nicht übertrieben!
Wenn Charybdis das Wasser brodelnd von sich gab, schien es zu kochen. Die Gischt sprang bis zu den Spitzen der beiden Klippen. Saugte sie das Wasser aber wieder an, bildete sich ein Strudel, in dessen Mitte man bis zum schwarzsandigen Grund sehen konnte.
Während wir gebannt dieses Schauspiel verfolgten, langte Skylla mit ihren Köpfen in unser Schiff und holte sich sechs meiner besten Männer. Ihre Entsetzenschreie übertönten sogar den Lärm der Brandung, und ich hörte sie verzweifelt meinen Namen rufen. Hilflos mußte ich mit ansehen, wie meine Gefährten von dem Ungeheuer verschlungen wurden. Diesen jammervollen Anblick werde ich nie vergessen.
Dann aber hatten wir die Meerenge passiert und gelangten schließlich zur Insel des Sonnengottes.



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